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Vom Hirngespinst zum Prototyp

28.11.2017

Platinenfräse und Holzfräse, Tiefziehmaschine und 3D-Drucker, bequeme Sessel und Kaffeemaschine – es gibt viele gute Gründe, ins Open Innovation Lab zu kommen. Lohnenswert ist der Besuch eigentlich immer. Das Labor versteht sich nicht nur als eine Werkstatt mit einem modernen Maschinenpark, sondern als „Innovationspool“, in dem getüftelt und herumgesponnen werden kann. Willkommen sind alle Hochschulmitglieder – Studierende, Lehrende und Mitarbeiter aller Fakultäten und Einrichtungen.

Raus aus Denk-Schubladen

Eine Stickmaschine neben einem 3D-Drucker? Beide bedient von einem Maschinenbau-Studenten? Im Open Innovation Lab der HTWG ist das kein ungewöhnliches Bild. Hier werden traditionelle Denk-Schubladen leergeräumt. Oberstes Prinzip in diesem Labor ist – wie der Name sagt: open. Das heißt: Offenheit, Grenzenlosigkeit und ein Maß an Verrücktheit und Verspieltheit sind hier erwünscht.

Das OIL ist noch eine recht junge Einrichtung der HTWG, aber sein Angebot soll schon bald so selbstverständlich sein wie das der Bibliothek. Beide Einrichtungen stehen allen offen, hier tauchen die Nutzer über Bücher in Wissenswelten ein, dort erobern sie neue Denkwelten im Machen. Offen ist auch das, was dabei entsteht – frei von Zwängen, ohne Leistungsnachweis. Ideen träumen, tüfteln, experimentieren, spielen, nachdenken – alles ist erlaubt, auch Fehler zu machen.

„Ich kann hier Ideen umsetzen und habe es gelernt, die Angst vor der Technik zu verlieren. Inzwischen macht es mir Spaß, mich dahinterzuklemmen, um Geräte zu verstehen. Und wenn ich bei einem Problem einmal doch nicht weiterkomme, ist hier immer jemand von einer anderen Fachrichtung, der mir weiterhelfen kann und mich auf andere Lösungswege bringt“, sagt Architektur-Studentin Hanna Baumann.

Prof. Oliver Fritz, der das Labor als Projektleiter aufgebaut hat, sieht genau darin das Besondere am OIL: „Erst die Grenzen überschreitende Zusammenarbeit ermöglicht die Betrachtung eines Problems aus verschiedenen Perspektiven. Vielleicht hat der Elektrotechniker die Lösung, an der sich der Maschinenbauer noch die Zähne ausbeißt? Vielleicht geben erst die Kommunikationsdesigner der App-Entwicklung der Informatiker das Aussehen, das die App zum Erfolg macht? Die Wirtschaftsrechtler können Patentfragen klären, die BWLer Geschäftsmodelle vorschlagen. Die Möglichkeiten, Grenzen im Denken und der Disziplin zu überschreiten, sind unendlich.

„Hier entstehen Ideen und dann auch Dinge, die in einem Fachbereich alleine nicht entstehen würden“, sagt Prof. Oliver Fritz. Ein Beispiel? Beim ersten HoloLens-Hackathon im Open Innovation Lab waren fast in jedem Team Architekten mit im Boot. Und das war ein absoluter Gewinn.

„Die Arbeitswelt ist im Wandel, darauf muss auch die Lehre reagieren“, sagt Prof. Oliver Fritz. Denn: Können Lösungen für komplexe Probleme gefunden werden, wenn in einer Firma jede Abteilung für sich arbeitet? Und das gilt auch für das Open Innovation Lab: „Die Arbeit im OIL ist nur erfolgreich, wenn hier Menschen zusammenarbeiten, die bereit sind, sich anderen zu öffnen und sie an ihrem Fachwissen teilhaben zu lassen“, so Oliver Fritz. Dass der Austausch gelingt, dafür stellt die HTWG hier die nötige Infrastruktur, unter anderem eine der besten Kaffeemaschinen auf dem Campus, zur Verfügung.

Die eigene Gedankenwelt sprengen
Das OIL ist auch ein Forschungsprojekt. Doch ist das Projekt nicht auf eine Maschine fokussiert, sondern auf das Lernen. „Die eingeschränkten Bahnen der eigenen Gedankenwelt sprengen“, so nennt Prof. Oliver Fritz den gewünschten Effekt und spiegelt damit die Kultur der Hochschule wider. „Studieren heißt kreativ sein. Leider geht das oft verloren. Im OIL wollen wir dem Raum geben“, betont Fritz.
Nicht die Maschine ist innovativ, sondern dass die Strickmaschine neben der CNC-Fräse steht – und: dass der Elektrotechnik-Student vor der Stickmaschine steht, um anschließend Sensoren in das gestrickte Produkt einzubauen. „Wir stellen keine Innovationen her, sondern stellen die Technologien zur Verfügung, damit hier Innovationen generiert werden können“, stellt OIL-Mitarbeiter Moritz Simsch klar.

Der Kontakt nach draußen ist dem OIL wichtig: So wird es auch Workshops mit Unternehmen geben. „Da wird der Entwicklungsleiter mit dem Azubi, der Schlosser mit einem Nerd aus den Studierendenreihen zusammenarbeiten. Unser Ziel ist zu zeigen, wie sich der Innovationsprozess in Firmen beschleunigen lässt“, blickt Simsch voraus.

Einrichtung mit Strahlkraft
Die HTWG zählt landesweit zu den Hochschulen für angewandte Wissenschaften mit dem breitesten Fächerspektrum – von der weit gefächerten Technik über Wirtschaft bis zu Gestaltung. Ideale Voraussetzungen also, um möglichst viele Disziplinen zusammenzuführen. Dazu kommt: Der Campus ist kompakt, die Wege kurz – man kennt und vertraut sich.
Das Konzept hatte bereits das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg überzeugt. Über das Programm WILLE (Wissenschaft lehren und lernen) wird das Labor mit rund 700.000 Euro gefördert. Eine gleiche Summe stellte die Hochschule zur Verfügung.
Die Kosten für die Studierenden? Sie halten sich in Grenzen. Das OIL stellt je nach Verbrauch eine Beteiligung an Material- und Wartungskosten in Rechnung. Um an den Maschinen arbeiten zu können, ist eine Einweisung, eine Art Führerschein für das OIL, Voraussetzung. Kurse werden regelmäßig angeboten.

Vielfältige Ausstattung verführt zum Ausprobieren
Neue Technologien bieten viele Möglichkeiten, Kreativität zu entfalten. Unter anderem stehen im Labor zur Verfügung: verschiedene 3D-Drucker und 3D-Scanner, Platinenfräse und Platinenbestückungsmaschine, unterschiedliche Gravier- und Schneidlaser, industrielle und computergesteuerte Strick- und Nähmaschinen, die mit verschiedenen Materialien arbeiten können, Fräsen von der variablen Flachbett-CNC-Fräse mit zusätzlichen Werkzeugen für die Bearbeitung von Wellkarton bis zu einfach zu bedienenden Möbelbau- Fräsen, ein vertikales CNC-Bearbeitungszentrum für Holz, sowie eine Tiefziehmaschine. Zu Interaktions- und Kommunikationszwecken stehen Brillen und Displays für Augmented- und Virtual Reality und interaktive Projektionssysteme mit Groupware zur Verfügung. Zum Experimentieren mit Cyberphysischen Systemen steht ein Arbeitsplatz mit Physical-Computing-Plattformen und dazu passenden Bauteilen wie Sensoren und Aktoren bereit.


Enthusiastisches Team
Und mindestens genauso wichtig wie das Equipment ist das Team, welches das OIL leitet und den Betrieb sicherstellt: Prof. Oliver Fritz, Tobias Erb, Frauke Link, Lilian Schurhammer,  Moritz Simsch, Verena Ziegler und rund ein Dutzend studentische Hilfskräfte erläutern die vorhandenen Maschinen, leiten die Nutzer an und vernetzen sie untereinander – und das mit ansteckendem Enthusiasmus.  
Für fakultätsübergreifende Zusammenarbeit sorgt ein Lenkungsgremium, in dem Professorinnen und Professoren aus jeder Fakultät vertreten sind und die Runde der Dekane. Außerdem dabei sind Vertreter aus dem Forschungsreferat und dem Referat für Lehre und Qualitätsmanagement.

Heizkessellabor wurde zu Ideen-Brutkasten
Der Name OIL passt übrigens auch zu den großzügigen Räumlichkeiten - das ehemalige Heizkessellabor wurde nun mit der Anspielung auf fossilen Brennstoff zum Brutkasten für Ideen. Ein großer Teil des Labors bietet Raum für die große und laute Maschinen, ein mit einer Fensterwand davon abgetrennter Bereich mit einer Galerie bietet Platz zum Austausch und zum Arbeiten an kleineren und empfindlicheren Geräten.

Kontakt:

Das Open Innovation Lab befindet sich im Westflügel des A-Gebäudes. Der Zugang ist an der der Bibliothek zugewandten Seite.

Telefon: 07531/206-9050

E-Mail: oil@htwg-konstanz.de

Der Internetauftritt des Open Innovation Labs


  • "Ich beschäftige mich gerne mit unseren Geräten hier und es macht mir Spaß, meine Begeisterung für die Möglichkeiten, die wir hier haben, weiterzugeben."
    Tobias Erb, Maschinenbau-Absolvent und OIL-Mitarbeiter:

  • Für mich ist das OIL wie ein großer Spielplatz. Ich habe hier Zugang zu Techniken, die ich mir selbst nicht leisten könnte.
    Benedict Roth, Studiengang Angewandte Informatik

  • "Ich habe im OIL gelernt, die Angst vor Technik abzulegen und mich dahinterzuklemmen, Geräte zu verstehen. Und selbst wenn ich einmal nicht weiterkomme, ist immer jemand aus einer anderen Fachrichtung da, der mir weiterhilft."
    Hanna Baumann, Studiengang Architektur